Blick über den Industriepark Premnitz, im Hintergrund die Märkische Faser GmbH
Blick über den Industriepark Premnitz, im Hintergrund die Märkische Faser GmbH © BKG, Foto: Sven Gatter

Premnitz

Mit jeder Faser

Landkreis: Havelland

Einwohnerzahl: 9.249

Bekannt für: Industrie, Treuhand und Arbeitskampf

Nach der Privatisierung durch die Treuhand stand der Traditionsbetrieb der Chemiefaserproduktion in Premnitz vor dem Aus, und mit ihm 6.500 Arbeitsplätze.

Das Chemiefaserwerk Friedrich Engels war Hauptarbeitgeber der Region und durch Marken wie Wolpryla und Grisuten bekannt. 1990 wurde es durch die Treuhandanstalt, die bis 1994 den Übergang der DDR-Planwirtschaft in die Marktwirtschaft leitete, in die Märkischen Faser AG (MFAG) umgewandelt. Die Premnitzer hofften vergeblich, dass die 1992 erfolgte Privatisierung durch den Investor das marode Unternehmen wettbewerbsfähig machen würde.

Mit mehreren großen Faserballen ist der Eingang der Märkischen Faser AG versperrt. Demonstriedende halten Fahnen und Schilder.
Mahnwache vor dem Eingangstor II der Märkischen Faser AG im Herbst 1992 © Mathias Hohmann

Am 24. September 1992 wurde überraschend die Entlassung von 2.155 Beschäftigten der Märkischen Faser AG verkündet. Doch niemand hatte mit der Geschlossenheit der Belegschaft gerechnet. Innerhalb weniger Stunden waren Tausende Premnitzer*innen mobilisiert und protestierten gegen die Stilllegung. Das Werkstor wurde mit Chemiefaserballen verbarrikadiert und der Streik begann. Unterstützt durch eine breite mediale Berichterstattung machten die Streikenden deutschlandweit auf ihre Situation aufmerksam. Nach 73 Tagen beispiellosem Durchhaltevermögen und Demonstrationen in Premnitz, Berlin, Potsdam und Bonn konnte unter Beteiligung des Landes Brandenburg ein Kompromiss erzielt werden. Die gemeinschaftliche Streikerfahrung schaffte Hoffnung. Und die war bitter nötig: Denn die kommenden Jahre stellten für den Chemiefaserstandort eine einzige Talfahrt dar.

Heutiger Eingangsbereich der Märkische Faser GmbH
Heutiger Eingangsbereich der Märkischen Faser GmbH © BKG, Foto: Sven Gatter

Im Jahr 2003 kam es in Premnitz erneut zu einer Werkbesetzung. Das Werk des insolventen Kunstseidenbetriebs Prefil wurde 84 Tage lang von Teilen der Belegschaft besetzt. Dieses Mal aber ohne Erfolg.

Zumindest die im Jahr 2002 neugegründete Märkische Faser GmbH hat sich nach langem Ringen etabliert. Heute beschäftigt der Familienbetrieb rund 500 Mitarbeiter*innen und ist einer von mehreren zukunftsweisenden Betrieben in Premnitz, die auf nachhaltige Produktion und Wiederverwertung von Stoffen setzen. An den steinigen Weg bis dahin erinnert das originale Werkstor des ehemaligen Chemiefaserwerks, das bei dem Streik von 1992 verbarrikadiert wurde.

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»Und es war natürlich für mich nicht absehbar, dass die Premnitzer so mitziehen und zu Tausenden am Mittag zum Werkstor geströmt sind. Also das sehe ich noch vor mir, wie da die ganzen Menschen auf uns zukamen, um einfach zu erfahren, was jetzt passiert.«

Mathias Hohmann

Porträt Mathias Homann

Der Kämpfer

Mathias Hohmann

Als Schlosser im Chemiefaserwerk wird er 1990 in den Betriebsrat gewählt. Bei den Massenkündigungen und der bevorstehenden Abwicklung tut Mathias Hohmann sich als starker Streikführer hervor. Der gebürtige Rathenower wird ab 1993 Geschäftsführer der gegründeten Auffanggesellschaft und unterschreibt fortan Arbeitsverträge statt Kündigungen.