© BKG, Foto: Sven Gatter

Wittstock/Dosse

Freiheit für die Heide

Landkreis: Ostprignitz-Ruppin

Einwohnerzahl: 14.131

Bekannt für: viele Chöre, das Bombodrom und Speedway-Rennen

Bis zum Ende der DDR waren ungefähr 350.000 bis 500.000 sowjetische Soldaten auf 2.500 Quadratkilometer militärischem Sperrgebiet stationiert. Das entspricht in etwa der dreifachen Größe ganz Berlins. Trotz der hohen Präsenz blieb der Kontakt zu den Bürger*innen der DDR eine Ausnahme. Nur zu Feiertagen wie dem Tag der Befreiung am 8. Mai gab es Begegnungen. Trotzdem haben die sowjetischen Truppen auch in Brandenburg ihre Spuren hinterlassen.

Luftaufnahme des ehemaligen Sperrgebiets mit Wegen durch die Heide
© BKG, Foto: Sven Gatter

In 237 Ortschaften in Brandenburg gab es sowjetische Liegenschaften – die höchste Anzahl in der DDR. In der Kyritz-Ruppiner-Heide wurde seit den 1960er Jahren ein 142 Quadratkilometer großes Gebiet für Luftwaffenübungen genutzt. Das entspricht einem Sechstel der Größe Berlins. Ständige Übungsflüge von Kampfjets, die Bombenabwurf- und Nachtmanöver im Kalten Krieg versetzten die Bevölkerung in Angst. Manchmal kam es auch zu Unfällen, zum Beispiel in Forst Zinna bei Jüterborg. Hier verursachten zwei junge sowjetische Soldaten 1988 das schwerste Bahnunglück der DDR. Ihr Panzer blieb auf einem Gleis stehen und kollidierte mit einem Personenzug.

Nach dem Abzug der Truppen ist der Übungsplatz in der Kyritz-Ruppiner-Heide in den Besitz der Bundesverwaltungsamts übergegangen. Am 7. Januar 1993 flogen die russischen Streitkräfte die letzte Luftübung. Wie ging es nun mit dem Gelände weiter? Die Anwohner*innen der betroffenen Gemeinden hofften auf eine zivile Nutzung des Geländes. Doch bis dahin sollte es ein langer Weg werden. Bereits 1991/1992 wurden Pläne bekannt, dass die Bundeswehr das Gelände als Tiefflugübungsplatz weiter nutzen möchte. Jährlich waren etwa 3.000 Tiefflug-Einsätze vorgesehen. Noch vor der Übertragung des Geländes an die Bundeswehr 1993 formierte sich Widerstand in der Heide. Im August 1993 gründete sich die Bürger*innen-Initiative FREIe HEIDe.

Luftaufnahme des ehemaligen Sperrgebiets mit Wegen durch die Heide
© BKG, Foto: Sven Gatter

Die Initiative kritisierte die Pläne der Bundeswehr, sammelte Unterschriften für Petitionen und veranstaltete über einhundert Protestwanderungen. Sie erhielten zunehmend Unterstützung und Aufmerksamkeit in der Bevölkerung und Politik, auch auf Bundesebene. Ab 2003 setzte sich die Unternehmervereinigung Pro Heide für eine touristische Nutzung des Geländes ein. Seit 1994 klagten Gemeinden und Einzelpersonen bereits gegen die militärische Nutzung. 2007 bekamen drei Musterklagen vor dem Verwaltungsgericht Potsdam Recht und der Bundesrechnungshof forderte das Bundesverteidigungsministerium dazu auf, auf das Gelände verzichten – Sieg für die FREIe HEIDe.

Die Befreiung des Geländes von Kampfmitteln dauert bis heute an. Es werden noch immer bis zu 1,5 Millionen Blindgänger vermutet. Doch ein Teil der Heide konnte bereits für den Tourismus und Naturschutz genutzt werden. Jetzt sind Kremserfahrten durch die wild belassene Landschaft möglich. Seit 2012 betreut die »Heinz-Sielmann-Stiftung« ein 4.000 Hektar großes Areal, das als Nationales Naturerbe ausgewiesen ist.

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»Ich glaube, die Menschen haben gesehen, dass es etwas bringt, wenn man für etwas ist und dafür kämpft.«

Tabea Kannenberg
Portrait Tabea Kannenberg

Die Wanderin

Tabea Kannenberg

Schon als Kind nahm sie an den Protesten gegen das Bombodrom teil, zum Beispiel an den Oster- und Neujahrswanderungen der Bürger*innen-Initiative FREIe HEIDe. Das Thema beschäftigte Tabea Kannenberg noch viel länger: Für ihre Diplomarbeit produzierte sie einen Animationsfilm über die Kyritz-Ruppiner-Heide und die Proteste.